Archiv für die Kategorie ‘Politik’

Ein Mensch, der kommen wird

Mittwoch, 15. September 2010

Beim Festival DER NEUE HEIMATFILM (Freistadt 2010) wurde der Spielfilm L´UOMO CHE VERRÀ von Giorgio Diritti (IT 2009) gezeigt. Er handelt vom “Massaker von Marzabotto” im September 1944, bei dem die SS etwa 800 Menschen, vorwiegend Kinder, Frauen und ältere Menschen, brutal ermordet hat. Diese Geschichte vom Monte Sole nahe Marzabotto war mir bereits genauer bekannt, weil mein Sohn Nikolai an der Friedensschule am Monte Sole ein Jahr lang als Gedenkdiener gelebt und gearbeitet hat.

Den Film habe ich hervorragend gefunden. Erschüttert hat mich eine private Diskussion nach dem Film. Die Kritik kurz zusammengefasst: Die Deutschen werden zu schlecht dargestellt, man müsse einmal damit aufhören, durch solche Filme Hass auf die Deutschen zu schüren und außerdem waren die italienischen Faschisten und die Partisanen auch schlecht.

Ich halte fest:

  1. Wer so (als Österreicher/in) spricht identifiziert sich – wahrscheinlich unbemerkt – mit den Tätern, den Nazis (und nicht pauschal mit den Deutschen). Das ist schlimm genug. Möglicherweise sind diese grausamen Tatsachen emotional unerträglich und wollen verdrängt werden.
  2. Der Film hält sich im großen und ganzen an die historischen Fakten. Am Friedhof sieht man noch die Einschusslöcher in Kniehöhe: Die Kinder wurden vorne aufgestellt und als erste erschossen, damit sie nicht eventuell unter ihren toten Müttern überleben können. So waren halt die Männer der SS, Österreicher und Deutsche. Der Film übrigens zeigt auch unnötige Brutalität der italienischen Partisanen und wird deswegen auch von Italienern kritisiert.
  3. Solange noch Opfer des Faschismus leben, ist es legitim, über diese Verbrechen zu reden, zu schreiben und Filme zu drehen. Als (indirekte) Opfer des Faschismus sind auch jene Nachkommen von Überlebenden zu sehen, die durch die Verbrechen an ihren Eltern traumatisiert sind. Ich bin mit einem Überlebenden befreundet, der noch immer nachts im Traum aufschreit. Da muss noch lange davon geredet werden.
  4. Auch anhand des kürzlich aufgebrochenen Themas “Missbrauch in kirchlichen Internaten” kann man klar sehen: Es braucht Jahrzehnte, bis sich Opfer äußern und ihrem Trauma stellen können und bis sie von der Gesellschaft gehört werden. Ich erlebe an mir als ehemaligem Internatsschüler von Kremsmünster – obwohl ich persönlich nicht missbraucht wurde – wie groß meine Wut und emotionale Betroffenheit jetzt (erst) ist und wie mir das alles nahe geht, wenn ich davon spreche. Die Rede vom “endlich aufhören darüber zu reden” ist unerträglich!

L´UOMO CHE VERRÀ / DER MANN, DER KOMMEN WIRD
l uomo che verra

IT 2009, 117 min, italienische OF mit englischen UT, R: Giorgio Diritti, B: Giorgio Diritti, Giovanni Galavotti, Tania Pedroni, K: Roberto Cimatti, S: Giorgio Diritti, Paolo Marzoni, M: Marco Biscarini, Daniele Furlati, D: Alba Rohrwacher, Maya Sansa, Claudio Casadio

GIORGIO DIRITTI
Geboren 1959 in Bologna. Zusammenarbeit mit Florestano Vancini, Carlo Lizzani, Lina Wertmüller, Pupi Avati. Casting-Verantwortlicher für Filme in der Emilia Romagna, darunter “La voce della luna” von Federico Fellini.

Winter 1943. Die achtjährige Martina lebt an den Hängen des Monte Sole, nicht weit entfernt von Bologna. Sie ist die einzige Tochter einer Bauernfamilie, die wie so viele gerade genug zum Überleben hat. Vor Jahren hat sie einen kleinen Bruder verloren und spricht seitdem nicht mehr. Sie beobachtet allerdings, hört zu und schreibt. Im Dezember wird die Mutter erneut schwanger. Die Monate vergehen, während sich das Kriegsgeschehen immer mehr nähert. In der Nacht vom 28. auf den 29. September 1944 kommt der Kleine endlich auf die Welt. In der gleichen Nacht beginnt die SS ein Blutbad anzurichten, das bis zum 5. Oktober andauert. Es wird als “Massaker von Marzabotto” in die Geschichte eingehen. Ungefähr 770 Personen, darunter vor allem Kinder, Frauen und ältere Menschen werden getötet, um die PartisanInnen, die an der “gotischen Linie” agieren, einzuschüchtern.

(aus dem Programmheft des Heimatfilm-Festivals Freistadt)

Befreiungsfeier Mauthausen 2010

Sonntag, 09. Mai 2010

Etwa 10.000 Teilnehmer/innen, darunter etliche ehemalige Häftlinge aus vielen europäischen Ländern, haben heute an der Befreiungsfeier in Mauthausen teilgenommen. Ein überproportionaler Anteil an Intellektuellen, Künstler/innen und engagierten Menschen wurde in die Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet. Das Potential dieser Menschen fehlt in der europäischen Kunst und Kultur.

Das heurige Gedenken galt besonders den vielen Kindern und Jugendlichen, die in den Konzentrationslagern ermordet wurden.

Ich war Wahlzeuge

Sonntag, 25. April 2010

Bundespräsidentschaftswahl 2010. Die Vorbereitungen seitens der Wahlkommission sind diesmal einfach: Plakatständer im Umkreis von 50m brauchen wir nicht zu entfernen, es gibt nämlich keine. Ich lege jedem blauen Kuvert einen gefalteten Stimmzettel bei. Vor dem Verschließen der Wahlurne wird sie von uns kontrolliert. Nebenbei diskutieren wir über die zu erwartende Wahlbeteiligung, wobei klar ist, dass es in der Wahlkommission, die aus Vertreter/innen (fast) aller Parteien besteht, unterschiedliche Meinungen zu den Kandidat/innen und zum Thema nicht bzw. ungültig wählen gibt.

Thema im Smalltalk der Kommission ist auch die Entsendung von ausländischen Wahlbeobachtern. Das Bewusstsein, dass die Intransparenz der Wahlfinanzierung auch ein demokratiepolitisches Problem ist, ist gering. Die Wahlbeobachter würde man lieber nach Russland oder Afghanistan schicken.

Nach der ersten Stunde erste Überlegungen: Die Wahlbeteilung wird deutlich geringer sein als üblich. Gut, Freistadt ist eine schwarze Gemeinde, da kann es schon sein, dass mehr (ÖVP-)Wähler/innen nicht zur Wahl gehen.

Um 15:30 beginnen wir mit der Auszählung. Die Wahlurne wird geöffnet, wir zählen die geschlossenen Kuverts und vergleichen mit den abgegebenen Stimmen. Dann werden die Stimmen sortiert. Ich habe die ehrenvolle Aufgabe, die Prozentsätze zu berechnen.

In meinem Wahlsprengel gab es 618 Wahlberechtigte und zusätzlich 30 Wahlkarten. 380 abgegebene Stimmen bedeuten 380/618, also 61,5% Wahlbeteiligung. Wahlberechtigte aus meinem Wahlsprengel mit Wahlkarte werden nicht angegeben und können nicht mitgezählt werden.

Von den 380 abgegebenen Stimmen waren 29 Stimmen,  29/380 = 7,6% ungültig, davon waren 17 Stimmzettel leer, 12 in anderer Weise ungültig.

Von den gültig abgegebenen Stimmen fallen 300 auf Heinz Fischer, das sind 300/351 = 85,5%. Rudolf Gehring kommt auf 20 Stimmen, also 20/351 = 5,7%. Barbara Rosenkranz erhielt 31/351 = 8,8%. Das gesamtösterreichische Wahlergebnis sieht dann etwas anderes aus.

Fazit: Mein Wahlsprengel hat eine höhere Wahlbeteiligung und deutlich weniger Rechtswähler/innen. Obwohl Freistadt eine schwarze Gemeinde ist, hat Heinz Fischer ein höheres Ergebnis.

UHBP Hei Fi – eine Wahl ohne Wahl ohne Qual

Sonntag, 11. April 2010

Gedanken zur Bundespräsidentschaftswahl 2010

Mein Einwand gegen Demos: Der Frau Rosenkranz nicht zuviel Aufmerksamkeit geben. Meine Frage ist eher, wie man (junge) Leute so anspricht, dass sie immun gegen die politische Rechte werden. Dabei ist zu beachten, dass rechts, konservativ und bürgerlich grundverschiedene politische Einstellungen sind.

Ich finde es erschütternd, dass man sich 65 Jahre nach 1945 immer noch mit der politischen Aktivität von nazi-affinen Politiker/innen beschäftigen muss und dass 65 Jahre nach 1945 etwa ein Viertel der Wähler/innen nichts dabei findet, nazi-affine Politiker/innen bzw. Parteien zu wählen.

Ich wünsche mir, dass für Bürgerliche bzw. Konservative klar ist, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Sozialdemokraten Heinz Fischer und der rechtsnationalen Barbara Rosenkranz sowie dem Fundi-Christen Rudolf Gehring besteht. Auch wenn der Hauptgegner der ÖVP bei Wahlen die SPÖ bleibt, muss der qualitative Unterschied in Bezug auf das demokratische Niveau der Kandidaten klar sein. Die Konsequenz ist eine Stimme für Fischer – meinetwegen mit Zähneknirschen. Aber nicht, weiß oder ungültig wählen hieße, alle 3 jeweils mit einer Drittelstimme zu wählen: Will man das wirklich? Der Grundkonsens der zweiten Republik zwischen den beiden großen Parteien war seit 1945, keinen Hass mehr aufeinander zu haben und gegebenenfalls zusammenzuarbeiten.

Die Qual der Wahl hat die ÖVP ihren Wähler/innen selbst eingebrockt. Am Besten wäre für die ÖVP eine Wahlempfehlung für Heinz Fischer: Die ÖVP-nahe Wirtschaft kann froh sein, wenn Österreich nicht international wegen eines peinlichen Wahlergebnisses ins Gespräch kommt und die SPÖ könnte den Wahlsieg Fischers nicht allein auf ihre Fahne heften und müßte der ÖVP für ein überwältigendes Ergebnis sogar ein bisschen dankbar sein. Aber: Wird das die Spitze der ÖVP bis zum Wahltag verstehen?

Über Rudolf Gehring schreibe ich (fast) nichts: Der Missbrauch des Namens “Die Christen”, der Missbrauch von Religion bei Wahlauftritten, die Reduktion auf ein antiquiertes Familienbild, die Gegnerschaft zur  Straffreiheit der Abtreibung und zum Islam sind kein Ersatz für eine umfassende politische Position. Wenigstens spaltet er die rechten Wähler/innen.

Merkwürdig sind für mich auch die Rufe nach einer Änderung des Wahlrechts. Der Bundespräsident soll nur einmal und dafür 6-8 Jahre gewählt werden. Wollte man das beispielsweise bei Kurt Waldheim? Was ist, wenn ein ungeeigneter Kandidat gewählt würde? Wäre es nicht besser, auf ein bisschen mehr demokratiepolitische Reife der Bevölkerung (und der Parteien) zu setzen? Es war doch auch bisher bei jeder zweiten Bundespräsidentschaftswahl so, dass einer der beiden Kandidaten mangels Amtsbonus weniger Chancen hatte. Na und?

Fazit: Wählen gehen, gültig wählen, auch wenn man diesmal bei der Wahl keine Wahl hat: Heinz Fischer ist der einzige Wählbare und das muss bekräftigt werden.

Ich werde bei der Wahl als Wahlzeuge in meinem Wahlsprengel anwesend sein und mit Interesse die Stimmung und die Auszählung beobachten.

Linkergänzung

Keine Wahlempfehlung abzugeben wäre hier ein Versäumnis. Warum das? Weil Nichtwählen oder Weißwählen – wie von der ÖVP angeregt – bedeuten würde, dass die beiden ernst zu nehmenden Kandidaten in ähnlicher Weise keine Option sind, dass der Bürger beim sorgfältigen Abwägen von Fischer gegen Barbara Rosenkranz zu keiner Entscheidung kommen konnte. Die Wahl zwischen einem sauberen Demokraten und einer Rechtsradikalen eine unlösbare Aufgabe? Das darf nicht sein.
(Christian Rainer, Profil, 17.4.2010)

Das Rosenkranz-Gebet

Sonntag, 21. März 2010

Am Ende meines Theologie-Studiums (1984) musste ich ein Praktikum in einer Pfarre absolvieren. Zum Kennenlernen der pastoralen und administrativen Arbeit in einer Pfarre.

Ich war zur Mitfeier bei einer Taufe eingeteilt. Beim anschließenden Taufmahl der offenbar kirchenfernen Taufgesellschaft sprach der etwa 10jährige Sohn Wolf ganz selbstverständlich vom Führer und dem bevorstehenden Geburtstag des Führers. Der hübschen germanischen Mutter war’s peinlich, der mannhafte Vater grinste gleichzeitig frech (mir gegenüber) und gütig (dem Wolf gegenüber). Ja Herr Theologe, so sind wir; zwar kirchenfern, aber heimat- und volkstreu. Deutsch, national und sozialistisch. Das hat er nicht gesagt, aber wohl gedacht. Geheimnis des Glaubens.

Der fortschrittlichste Pfarrer der Stadt war beim Essen gar nicht mehr dabei und sagte mir nachher, ich sollte ruhig erleben, womit man als Pfarrer auch konfrontiert ist. Er hatte damals keine Wahl. Wir haben sie jetzt.