Archiv für die Kategorie ‘Kunst- & Kulturportfolio’

Paris-Tagebuch: Kunst, Kunst & Kunst

Sonntag, 06. Februar 2011

Eine mehrtägige Parisreise war in erster Linie dem Besuch von Kunst-Museen und Galerien gewidmet. Fasziniert hat mich die künstlerische Dichte in der Pariser Innenstadt. Der Besuch dieser Ausstellungen hat mich zu neuen Bildern und zu einer Reflexion des eigenen Kunstschaffens inspiriert.

Centre George Pompidou

Der – abgesehen von der markanten Architektur des Centre George Pompidou -  erste Eindruck war eine Ausstellung über den Künstler Arman mit Installationen und Videokunst aus den 60er Jahren. Für mich interessant aus zwei Gründen: In meinem Geburtsjahr 1959 gab Arman die Malerei zugunster experimenteller Kunstformen auf. Und andererseits soll man sich als Medienkünstler sowieso ausführlich mit der Geschichte der Medienkunst befassen.

  Eindrücke im Centre George Pompidou

Eine große Ausstellung ist Piet Mondrian und der holländischen De Stijl-Bewegung gewidmet. Mondrians Weg der Abstraktion führte ihn zur reinen geometrischen Abstraktion – jegliche bildnerische Tiefe und Perspektive sollte vermieden werden. Ausgehend von Beobachtungen der Landschaft und Architektur hat er versucht, Strukturen radikal zu abstrahieren und auf den geometrischen Gehalt von Wahrnehmungen zu reduzieren: Die Linien (un)regelmäßiger Baumreihen am Fluß, rechteckige Muser, gebildet von Kanälen und Architketur.

  Piet Mondrian

Das Konzept der geometrischen Abstraktion wurde von verschiedenen Künstler/innen auch später aufgegriffen und anders weitergeführt. Ich frage mich, ob ich nicht mit meinen Realtime-Processing-Student/innen diese Konzepte aufgreifen sollte und 90 Jahre später mit aktueller Software hier anknüpfe: um Landschaftsbilder radikal zu abstrahieren bzw. die Parameter geometrischer Konstruktionen zu variieren.

  Flugfelder, inspiriert von Piet Mondrian und Paul Klee

Musée d’Orsay

Eine andere Art mit Ebenen zu spielen – in Form von Verdichtung – kann man in vielen meiner Fotos sehen. Ich bilde gerne ganze Schichten von Ebenen – gespiegelt, transparent, überlagert – ab beispielsweise bei diesen “verbotenen” Bildern im Museé d´Orsay. Die Möglichkeit, Objektiv-bedingte Verzerrungen mit Hilfe von Software auszugleichen, unterstützt die Wirkung der zur Bildebene parallelen Schichten.

  Schichten von Ebenen

Louvre

Eine eigene Aura verbreiten die Bilder bzw. Skulpturen aus dem mitteleuropäischen Mittelalter. Scheinbar distanziert und emotionslos. Anstatt mit mühsamen Verrenkungen die musealen Lichtreflexionen zu vermeiden, habe ich sie gezielt in meine Bilder integriert.

  Aus dem europäischen Mittelalter

Im Saal der antiken Skulpturen konnte ich Beobachtungen zu einem erweiterten Skulpturbegriff anstellen. Die Besucher/innen als bewegliche Skulpturen ergänzen die antiken Skulpturen und bilden mit ihnen eine Echtzeit-Installation polarer Figuren: statisch und dynamisch, nackt und bekleidet, still haltend und ständig in Bewegung, berühmte Artefakte und beliebige Passant/innen.

  Skulpturen

Etwas absurd habe ich den Besuch der Mona Lisa in Erinnerung. Eine dicht gedrängte Menschenmenge versucht, allmählich nach vorne bis zur Absperrung zu dringen. Das Bild befindet sich ein paar Meter vor der Absperrung hinter doppelter Verglasung. Die Besucher/innen fotografieren das Bildnis der Mona Lisa mit ihren Mobiltelefonen, sich gegenseitig mit Mona Lisa, manche haben mehrere Minikameras in der Hand. Das Beweisfoto. Fotografieren mit Blitzlicht ist erlaubt, vielleicht handelt es sich auch gar nicht um das Original.

  Besuch bei Mona Lisa

Jeu de Paume

Die Ausstellung von Werken des berühmten ungarischen Fotografen Andre Kertez war auch aus formalen Gründen beachtenswert. Ein Teil der Ausstellung zeigt Kontaktabzüge. Ein Kontaktabzug ist ein Bild in der Größe des Negativs. Das Negativ wird direkt aufs Fotopapier gelegt und ohne Vergrößerung belichtet. Die Kontaktabzüge in den Formaten 4.5×6 cm oder etwas größer mussten mit hoher Konzentration aus kurzer Distanz betrachtet werden. Die musealen Gewohnheiten der Besucher/innen, Bilder unterschiedlich schnell bzw. lang anzusehen, behinderten sich gegenseitig. Eine interessante Seh-Erfahrung.

Zur Zeit meiner fotografischen Ausbildung in den 1980er Jahren wurden Kontaktabzüge bei Fotoprojekten gerne eingesetzt und so bestanden einige meiner damaligen Mappen vorwiegend aus Kontaktabzügen. Der Zwang zum konzentrierten Betrachten war dabei durchaus beabsichtigt. Allerdings sieht man eine Mappe alleine im selbstgewählten Tempo an.

Orangerie

In der Orangerie des Musée d’Orsay konnte ich eine Ausstellung von Werken des Fotokünstlers Heinrich Kühn sehen, die zuvor bereits in der Albertina Wien gezeigt wurde. Heinrich Kühn war eine der zentralen Gründergestalten der internationalen Kunstfotografie um 1900. Sein Werk zeichnet sich durch einen besonderen Umgang mit Tonwerten, Bildschärfe und Fotopapier aus. Mit seinem Gummidruck, der Verweigerung von Schärfe und seinen Motiven setzte er sich von der konventionellen Fotografie ab und schuf ein zeitloses grafisches Werk.

  Ausstellungsraum für Heinrich Kühn

Musée National d´Art Moderne Contemporary Collections

Eine kleine Serie über das Kunstbetrachten von Besucher/innen konnte ich auch im Museum für Moderne Kunst durchführen. Nachdem in diesem Museum fotografieren erlaubt ist, kann ich die Bilder dem Museum widmen.

  Das Kunstwerk und sein/e Betrachter/in

Das Fotografierverbot in den meisten Museen ist ein eigenes Thema. Wäre ich Museumswärter, so würde ich – obwohl logischerweise verboten – heimlich an einer Fotoserie arbeiten, die heimlich fotografierende Besucher/innen zum Thema hat. Fotografieren verboten auf einer Metaebene.

Museum für jüdische Kultur und Kunst

Eine sehr berührende Ausstellung war die des deutsch-jüdischen Malers Felix Nussbaum. Obwohl er bereits bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten Deutschland verlassen hatte, schaffte er es nicht, Europa zu verlassen und wurde gegen Ende der Nazi-Barbarei in Belgien aufgespürt, nach Ausschitz deportiert und dort ermordet. Er hat in verzweifelter Vorahnung seine Bilder fotografiert und dokumentiert, sie bei Freunden versteckt, damit wenigstens seine Bilder überleben. Berühmt ist sein Selbstportait mit Judenstern.


Ausstellungsplakat in der Pariser Métro

Einzelausstellungen, Längs- und Querschnitte

Die Dichte unserer Museumsbesuche hat mir bewusst gemacht, dass es sich lohnt, auch bereits Bekanntes immer wieder zu sehen. Von den verschiedenen Museen in verschiedene Zusammenhänge gebracht, eröffnen sich jeweils neue Blickwinkel, Interpretationen und Assoziationen. Durch die intensiven Museumsbesuche in nur wenigen Tagen hat sich diese Vernetzung verstärkt. Die zufällig gleichzeitige Lektüre eines Buches über Zusammenhänge zwischen Picasso, Einstein und den Impressionisten bei der Entwicklung neuer Vorstellungen über Raum und Zeit war ein zusätzlicher theoretischer Impuls.

Meine Museumsbesuche sind von Interesse an Kunst, Assoziation und Reflexion meiner eigenen Bilder und der Beobachtung und Einbeziehung von Besucher/innen geprägt. Der Humor kommt auf diese Weise beim Museumsbesuch nicht zu kurz. Das ist sicher im Interesse zumindest der Modernen Kunst.

Ein Mensch, der kommen wird

Mittwoch, 15. September 2010

Beim Festival DER NEUE HEIMATFILM (Freistadt 2010) wurde der Spielfilm L´UOMO CHE VERRÀ von Giorgio Diritti (IT 2009) gezeigt. Er handelt vom “Massaker von Marzabotto” im September 1944, bei dem die SS etwa 800 Menschen, vorwiegend Kinder, Frauen und ältere Menschen, brutal ermordet hat. Diese Geschichte vom Monte Sole nahe Marzabotto war mir bereits genauer bekannt, weil mein Sohn Nikolai an der Friedensschule am Monte Sole ein Jahr lang als Gedenkdiener gelebt und gearbeitet hat.

Den Film habe ich hervorragend gefunden. Erschüttert hat mich eine private Diskussion nach dem Film. Die Kritik kurz zusammengefasst: Die Deutschen werden zu schlecht dargestellt, man müsse einmal damit aufhören, durch solche Filme Hass auf die Deutschen zu schüren und außerdem waren die italienischen Faschisten und die Partisanen auch schlecht.

Ich halte fest:

  1. Wer so (als Österreicher/in) spricht identifiziert sich – wahrscheinlich unbemerkt – mit den Tätern, den Nazis (und nicht pauschal mit den Deutschen). Das ist schlimm genug. Möglicherweise sind diese grausamen Tatsachen emotional unerträglich und wollen verdrängt werden.
  2. Der Film hält sich im großen und ganzen an die historischen Fakten. Am Friedhof sieht man noch die Einschusslöcher in Kniehöhe: Die Kinder wurden vorne aufgestellt und als erste erschossen, damit sie nicht eventuell unter ihren toten Müttern überleben können. So waren halt die Männer der SS, Österreicher und Deutsche. Der Film übrigens zeigt auch unnötige Brutalität der italienischen Partisanen und wird deswegen auch von Italienern kritisiert.
  3. Solange noch Opfer des Faschismus leben, ist es legitim, über diese Verbrechen zu reden, zu schreiben und Filme zu drehen. Als (indirekte) Opfer des Faschismus sind auch jene Nachkommen von Überlebenden zu sehen, die durch die Verbrechen an ihren Eltern traumatisiert sind. Ich bin mit einem Überlebenden befreundet, der noch immer nachts im Traum aufschreit. Da muss noch lange davon geredet werden.
  4. Auch anhand des kürzlich aufgebrochenen Themas “Missbrauch in kirchlichen Internaten” kann man klar sehen: Es braucht Jahrzehnte, bis sich Opfer äußern und ihrem Trauma stellen können und bis sie von der Gesellschaft gehört werden. Ich erlebe an mir als ehemaligem Internatsschüler von Kremsmünster – obwohl ich persönlich nicht missbraucht wurde – wie groß meine Wut und emotionale Betroffenheit jetzt (erst) ist und wie mir das alles nahe geht, wenn ich davon spreche. Die Rede vom “endlich aufhören darüber zu reden” ist unerträglich!

L´UOMO CHE VERRÀ / DER MANN, DER KOMMEN WIRD
l uomo che verra

IT 2009, 117 min, italienische OF mit englischen UT, R: Giorgio Diritti, B: Giorgio Diritti, Giovanni Galavotti, Tania Pedroni, K: Roberto Cimatti, S: Giorgio Diritti, Paolo Marzoni, M: Marco Biscarini, Daniele Furlati, D: Alba Rohrwacher, Maya Sansa, Claudio Casadio

GIORGIO DIRITTI
Geboren 1959 in Bologna. Zusammenarbeit mit Florestano Vancini, Carlo Lizzani, Lina Wertmüller, Pupi Avati. Casting-Verantwortlicher für Filme in der Emilia Romagna, darunter “La voce della luna” von Federico Fellini.

Winter 1943. Die achtjährige Martina lebt an den Hängen des Monte Sole, nicht weit entfernt von Bologna. Sie ist die einzige Tochter einer Bauernfamilie, die wie so viele gerade genug zum Überleben hat. Vor Jahren hat sie einen kleinen Bruder verloren und spricht seitdem nicht mehr. Sie beobachtet allerdings, hört zu und schreibt. Im Dezember wird die Mutter erneut schwanger. Die Monate vergehen, während sich das Kriegsgeschehen immer mehr nähert. In der Nacht vom 28. auf den 29. September 1944 kommt der Kleine endlich auf die Welt. In der gleichen Nacht beginnt die SS ein Blutbad anzurichten, das bis zum 5. Oktober andauert. Es wird als “Massaker von Marzabotto” in die Geschichte eingehen. Ungefähr 770 Personen, darunter vor allem Kinder, Frauen und ältere Menschen werden getötet, um die PartisanInnen, die an der “gotischen Linie” agieren, einzuschüchtern.

(aus dem Programmheft des Heimatfilm-Festivals Freistadt)

Portraitstudien

Dienstag, 13. Juli 2010

Antike Portraitstudien in unterschiedlichen Ausführungsstufen. Auch die nur angedeuteten Köpfe sind ausdrucksstark. Die Beschädigungen geben dem Ausdruck einen besonderen Reiz. Aphrodisias/Türkei.

Der Schneeflockenforscher

Mittwoch, 23. Juni 2010

Jakob Kreutzer ist ein ewiger Grübler. Als Türmer von Freistadt um 1620 bewacht er die Stadt, erlebt eine Zeit voller Umbrüche und hat sich darin zurecht zu finden: Reformation und Gegenreformation, die Bauernaufstände, die (einzige) Eroberung Freistadts, der Dreißigjährige Krieg, die beginnende Wissenschaft mit Erfindungen wie Taschenuhr, Lupe und Mikroskop, die Forscherkollegen Galileo Galilei und Johannes Kepler. Dazu kommen das Leben aus der Handelsstadt Freistadt und ganz persönliche Sorgen wie die Sehnscht nach seiner geliebten Schülerin und seine unendliche höchstgefährliche Eifersucht.

Jakob Kreutzer ist ein bisschen schrullig. Durch seine Sprachlosigkeit spielt sich das Leben in seinen Gedanken ab. Er grübelt und zweifelt, versteigt sich von einer Meinung in das Gegenteil und Augenblicke später wieder in ein anderes Gegenteil. Wie ein Besessener erforscht er Schneeflocken und gewinnt dadurch seine Erkenntnisse über die Welt, die Liebe und das Leben.

Dem Autor Fritz Lehner gelingt es, in diesen 600 Seiten ohne viel Handlung anhand der Hirngespinste des Türmers Fragen zu stellen. Fragen eines Menschen im frühen 17. Jahrhundert. Sind diese Fragen gar die Gedankenwelt des Autors Fritz Lehners, aufgewachsen in einem Haus am Freistädter Hauptplatz mit Bühnenblick auf die Stadt und ihre Bewohner? Oder ist es nicht doch ganz anders? Historisch gut recherchiert, die Hauptfigur als Fiktion, gut eingefühlt in die Gedankenwelt eines Zweiflers in einer Zeit großer Umbrüche. Obwohl in diesen Jahren so viel passiert, ist es ein langsames Buch. Ich habe noch nie ein Buch mit so vielen Fragesätzen gelesen.

Abstraktion in Farbe und Form

Freitag, 09. April 2010

Angeregt durch einen Kurs an der Kunstfabrik Wien mit Gerhard Almbauer.

Mit einer Hauptfarbe werden Formen gefunden, die an nichts Gegenständliches erinnern. In mehreren Schichten entwickeln sich die Bilder. Nach jeder Schicht wird das Bild auf die Wirkung verschiedener Bereiche analysiert und dann weiter entwickelt. Hell-dunkel-Kontraste schaffen räumliche Tiefe. Kein Bereich soll so dominant sein, dass er die Aufmerksamkeit zu sehr an sich zieht; das Auge soll sich im Bild bewegen können.

Acryl 100x100cm.