Archiv für die Kategorie ‘Bildung’

Anregungen zur Lehrerausbildung

Dienstag, 25. Januar 2011

Wenn wir Lehrkräfte uns etwas vorwerfen lassen müssen, dann ist es das, dass wir unsere Vorstellung von Bildung und Lernen zu wenig reflektieren und in Frage stellen. Die eigenen Lernerfahrungen als Schüler/in werden verallgemeinert und für Lernen gehalten. Es soll vorkommen, dass junge Lehrkräfte ihre eigenen Schulhefte und Schulbücher wieder auspacken und danach unterrichten. Zumindest das Schema Vortrag – Hausübung – Schularbeit/Test wird vorwiegend unhinterfragt kopiert und fortgesetzt.

Neben eine umfassende fachliche Ausbildung muss daher bei der Lehrerausbildung von Anfang an die Reflexion des Lehr-Lern-Geschehens treten. Dazu gehören die Reflexion der eigenen Lernerfahrungen in und außerhalb der Schule und die damit verbundene Hinterfragung von Lernklischees, eine intensive Auseinandersetzung mit der geschichtlichen Entwicklung dessen, was man jeweils Bildung/Lehren/Lernen nennt, sowie die Beschäftigung mit den Kenntnisssen der heutigen Forschung (Gehirnforschung, Kybernetik, Systemdynamik) samt Konsequenzen für Lehren und Lernen.

Weiters sollen (Unterrichtsbesuch) verschiedene Lern- und Verhaltensprobleme bei Schüler/innen analysiert werden, bevor man durch Lehrauftritte die eigenen Erfahrungen verfestigt. Welche Blockaden können vorliegen, wie kann man mit Blockaden umgehen, wer soll beigezogen werden? (Schulpsychologen, Lernberater, Familienberatung, etc.)

Angehende Lehrende sollen Zielvorstellungen für den eigenen Unterricht unter verschiedenen schulischen Rahmenbedingungen entwickeln: Lehrkräfte müssen lernen, schulische Rahmenbedingungen zu beachten, um nicht sich selbst (Burnout) und ihre Schüler/innen ständig zu überfordern. Unterschiedliche Rahmenbedingungen (Schultyp, Wochenstundenanzahl, Klassengröße, Diversität der Begabungen) werden zu anderen Zielen und Niveaus führen müssen.

Ein weiterer Schwerpunkt soll die Klärung der Möglichkeiten sein, Leistung bzw. Lernerfolge zu beobachten und zu evaluieren. Zu viele (insbesondere junge) Lehrkräfte halten noch immer schriftliche Arbeiten für objektiver als kontinuierliche Leistungen (Eigenarbeit) sowie Druck und Angst für ein geeignetes Motivationsmittel und leiden dann unter der Fülle der Korrekturen und dem Gegendruck der Lernenden.

Eine Reform des Bildungswesens ohne die Beachtung der von mir beschriebenen Aspekte wird weitgehend wirkungslos bleiben.

Ein Jahrhundert-Datum

Dienstag, 11. Januar 2011

Der heutige Tag, der 11.1.11 zeigt bei der von mir gewählten Schreibweise eine besondere Eigenschaft. Um 11:11:11 Uhr war der Jahrhundert-Zeitpunkt: genau 11mal die 1. Da mussten wir im Unterricht kurz inne halten!

Eine ähnliche symmetrische Häufung gleicher Zahlen gibt es pro Jahrhundert noch zweimal, am 11.11.11 um 11:11:11 Uhr, allerdings mit 12mal der 1.

Am 22.2.22 um 22:22:22 Uhr, mit (leider nur) 11mal der 2. Bitte im Kalender vormerken!

Willkürliche Festsetzungen: Taschner täuscht uns

Dienstag, 11. Januar 2011

Eine merkwürdige Argumentation verfolgt uns seit der Jahrtausendwende. Mathematiker und andere gescheite Leute verkündeten Ende 1999, dass das neue Jahrtausend erst 2001 beginne und wir daher ein Jahr zu früh die Jahrtausendwende feierten. Argumentiert wird mit dem nicht vorhandenen Jahr Null. Sogar dem “Mathematiker der Nation”, Rudolf Taschner, passiert dieser Fehler.

Am 1. Jänner 2011 beginnt nicht bloß ein neues Jahr, ein neues Jahrzehnt hebt an. Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende beginnen immer mit einem Jahr, das 1 als Einerziffer besitzt. Denn es hat kein Jahr null gegeben: Auf das Jahr 1v.Chr. folgte das Jahr 1n.Chr.

Rudolf Taschner, Willkürliche Festsetzungen – oder: Warum das Jahr im Jänner beginnt, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 30.12.2010.

Die Argumentation mit dem Jahr Null ist irreführend und führt zum falschen Ergebnis. Wenn wir Zeiträume in Perioden (Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende) einteilen, so geschehen diese Abstufungen aufgrund unseres Dezimalsystems und wir “feiern” damit eigentlich den 10er-Sprung, den 100er-Sprung bzw. den 1000er-Sprung. Das Besondere am Dezimalsystem ist, dass trotz des linearen Fortschreitens das Zählen wieder von vorne beginnt, zumindest in der Einerstelle. Nach 9 kommt 10 (Achtung Herr Taschner, die Einerstelle beginnt mit der Null und nicht mit der Eins!), nach 19 kommt 20 (und wiederum beginnts von Null), bis zur 99. Der Jahrhundertwechsel ist so toll, weil die beiden letzten Stellen wechseln (und wieder bei Null beginnen) und die Hunderter-Stelle um 1 weiterzählt. Und noch toller war daher der Jahrtausendwechsel von 1999 auf 2000!

Die wilden 60er Jahre werden wohl 1960 begonnen haben, das Jahr 1970 ist dem Namen nach bereits ein 70er-Jahr. Und natürlich haben die 10er-Jahre 2010 begonnen und nicht erst 2011. Das sind unsere Jahrzehnte.

Ebenso machen wir es bei unseren Geburtstagen. Die runden Geburtstage feiern wir mit 20, 30, 40, 50, 60 etc und nicht mit 21, 31, etc., weil wir zwar uns feiern, aber die Einteilung aus dem Dezimalsystem nehmen. Das Zählen beginnt mit Null und vielleicht sollten wir das den Kindern bereits im Vorschulalter lernen: Null (= kein Finger), 1 (= 1 Finger) usw.

Basierte unser Zählen auf einem Zahlensystem mit anderer Basis, beispielsweise der Sieben, so würden wir andere Einteilungen wählen: nach der 6 käme dann die 10, dann 11 bis 16, dann 20. Wir könnten öfter “runde” Gedenktage begehen. Die “Jahrsiebte” wären kürzer als die “Jahrzehnte”, wir würden mit 49 Jahren bereits das Alter “100″ anzeigen!

Ich erinnere mich noch gut eine diesbezügliche Diskussion mit dem Musikphilosophen Leo Dorner an der Bruckner Uni in Linz: Er war erleichtert, dass ich ihm für Sylvester 1999 das Feiern der Jahrtausendwende empfohlen habe.

Fazit: Das Jahr Null ist für die Einteilung nicht von Bedeutung und die falsche Argumentation, wir zelebrieren den Positionswechsel im Zahlensystem. Lediglich dem ersten Jahrzehnt (Jahrhundert, Jahrtausend) hat ein Jahr gefehlt. Das hat damals niemand bemerkt, weil man damals noch nicht so gezählt hat.

Überall die Besten nehmen!

Sonntag, 12. Dezember 2010

Nur die Besten sollen also in den Schulen unterrichten. Für Forschung und Verwaltung bleiben nur mehr die Drittbesten (weil die Zweitbesten eigentlich auch noch in der Schule gebraucht werden), in Politik und (staatsnaher) Wirtschaft sitzen vorwiegend übrig gebliebene Parteigünstlinge.

Angeblich werden in Finnland nur die Besten zur Lehrerausbildung zugelassen. Tatsache ist, dass es dort mehr Bewerber/innen gibt als benötigte Lehrkräfte. Daher gibt es dort ein Aufnahmeverfahren, das nach bestimmten Kriterien selektiert. Ob da gerade “die Besten” ausgewählt werden, wird man nie überprüfen können, weil die anderen nicht die Gelegenheit erhalten, sich zu bewähren. Dass es so viele Bewerber/innen gibt hat ihre Ursache in der hohen gesellschaftlichen Wertschätzung des Lehrberufs in Finnland.

In einem Land mit hohem Ansehen des Lehrerberufs wird auch Bildung insgesamt geschätzt. Im Intellektuellen-feindlichen Österreich (wir haben uns offenbar immer noch nicht vom Faschismus erholt) ist es nicht verwunderlich, wenn Schüler/innen mangelnde Lernmotivation zeigen und Schule als Wartezeit sehen, die es zu überbrücken gilt.

Unterrichten ist zu komplex, als dass man bei einem Eignungstest (vor!) der Ausbildung die Eignung verlässlich testen kann. Wie gut man als Lehrer/in ist, sieht man meist erst beim Unterrichten. Der eigene Unterrichtsstil entwickelt sich laufend weiter, mit der eigenen Unterrichtserfahrung, mit den gesellschaftlichen Änderungen (in meiner Ausbildungszeit wurden noch keine PCs eingesetzt und Fächer, die ich jetzt unterrichte, gabs noch gar nicht) und mit den Eigenheiten der Schüler/innen.

Da stehen dann “die Besten” vor einer Klasse unmotivierter Schüler/innen, 18jährige verhalten sich wie 15jährige, die Pubertät dauert bei einigen bereits bis 20. Da “liest” ein 18jähriger im Unterricht in der Krone, weil sein geistiger Horizont (und sein Leseverständnis?) was anderes nicht zulässt. Dafür will man also “die Besten” vor der Ausbildung aussortieren, andererseits auch erfolgreichen “Quereinsteigern” (ohne pädagogische Ausbildung) den Lehrberuf öffnen. Diese “Besten” sollen dann von meist parteipolitisch ausgewählten Direktoren eingestellt werden, die für ihr politisches Wohlverhalten damit belohnt werden, dass sie so tun dürfen, als wäre die Schule ihre eigene Firma. Na bravo.

Ich kann das Geschwätz von den “Besten” nicht mehr hören. So viele “Beste”, wie überall eingesetzt werden sollen, haben wir nicht. Schaffen wir doch einfach jenen Lehrkräften, die da sind, bessere Rahmenbedingungen. Aber dafür bräuchte es wahrscheinlich “die Besten” in der Politik.

Bildungskritiker: Ignoranz und Planlosigkeit?

Mittwoch, 30. Juni 2010

Der Neurowissenschafter (Uni-Klinik Ulm) Manfred Spitzer kritisiert in einem Interview im Standard das (aktuelle? deutsche?) Bildungssystem und schießt sehr undifferenziert auf die Lehrenden:

Schauen Sie sich den Umgang mit Computern an. Man erhoffte sich, dass die Schulleistungen durch die Einführung von Computern an den Schulen besser werden. Das Gegenteil ist der Fall. Die Leistungen werden schlechter. Wenn man Informationstechnik einführt, sollte ein klares Konzept dahinterstehen. Das gab es bisher nicht. Die Lehrer konnten gar nicht wissen, was sie mit den Computern tun sollten.
Bildung ist so wichtig wie Luft“, derstandard, 25. Juni 2010

Auch von anderer Seite wird immer wieder der mangelnde Computereinsatz beklagt. Nun unterrichte ich seit mehr als zwei Jahrzehnten in einem Schultyp (Handelsakademie: Berufsbildende Höhere Schule mit wirtschaftlichem Schwerpunkt), an dem es bereits in den 1980er-Jahren eine breitgefächerte Informatik-Ausbildung gab: In Textverarbeitung lernt man das 10-Finger-System sowie den Umgang mit gängiger Textverarbeitungs-, Präsentations- und Desktopspublishing-Software. Das Fach Wirtschaftsinformatik lehrt Betriebssystemverwaltung, Tabellenkalkulation mit Einsatz von Schriftsprachen (VBA). Mittlerweile bieten wir einen Zweig mit Multimedia und Webdesign an und man lernt dort Bild-, Audio-, Videobearbeitung und Animation sowie die wichtigsten Aspekte von Webdesign (Gestaltung, Datenbankprogrammierung, CMS, Podcasting und SocialMediaMarketing). Seit etwa 2 Jahrzehnten setze ich den Computer regelmäßig im Mathematik-Unterricht ein, für Visualisierung, experimentelles Arbeiten und Recherche.

Manfred Spitzer forscht und arbeitet im Bereich Neurowissenschaften und Lernen. Ich emfehle ihm, sich in öffentlichen Äußerungen auf sein Arbeitsgebiet zu beschränken und lieber das Bildungssystem mit Ergebnissen und Denkanstößen aus seiner Forschung zu bereichern.