Archiv für März 2010

Kirchenmissbrauch versus Familienmissbrauch

Sonntag, 28. März 2010

Eine merkwürdige Argumentation hat sich in das Beschwichtigungsgetue mancher Kirchenvertreter eingeschlichen: Ja, es hat Missbrauch gegeben, aber viel mehr Missbrauch geschieht in den Familien.

Abgesehen vom Statistik-Problem, dass es eben viel mehr Familien als Patres bzw. Priester gibt, lohnt sich die Frage nach dem Warum des Missbrauchs, nach Strukturen, die Missbrauch begünstigen.

Für die römisch katholische Kirche kann man sagen, dass neben der pathologischen Haltung der Kirchenführung zur Sexualität die hierarchische und autoritäre patriarchale Struktur (sexuellen) Machtmissbrauch begünstigt bzw. herausfordert.

Autoritäre patriarchale Strukturen gab und gibt es auch in Familien. In den letzten Jahrzehnten wurden gegen den Widerstand christlich-konservativer Parteien Herrschafts-Prinzipien wie Autorität, Ehre, Gehorsam und die Geschlechterrollen zunehmend in Frage gestellt. Ein Verdienst der 1968-Bewegung.

Wenn man bedenkt, dass das Familienbild unserer Gesellschaft sehr stark vom Einfluss der römisch katholischen Kirche geprägt war, ist die eingangs beschriebene Argumentation eigentlich eine Zumutung.

Wahrnehmung im Vorbeigehen

Mittwoch, 24. März 2010

In einem Gebäude der Kunst-UNI Linz: Anregende visuelle Strukturen schaffen anregende visuelle Strukturen.

Das Rosenkranz-Gebet

Sonntag, 21. März 2010

Am Ende meines Theologie-Studiums (1984) musste ich ein Praktikum in einer Pfarre absolvieren. Zum Kennenlernen der pastoralen und administrativen Arbeit in einer Pfarre.

Ich war zur Mitfeier bei einer Taufe eingeteilt. Beim anschließenden Taufmahl der offenbar kirchenfernen Taufgesellschaft sprach der etwa 10jährige Sohn Wolf ganz selbstverständlich vom Führer und dem bevorstehenden Geburtstag des Führers. Der hübschen germanischen Mutter war’s peinlich, der mannhafte Vater grinste gleichzeitig frech (mir gegenüber) und gütig (dem Wolf gegenüber). Ja Herr Theologe, so sind wir; zwar kirchenfern, aber heimat- und volkstreu. Deutsch, national und sozialistisch. Das hat er nicht gesagt, aber wohl gedacht. Geheimnis des Glaubens.

Der fortschrittlichste Pfarrer der Stadt war beim Essen gar nicht mehr dabei und sagte mir nachher, ich sollte ruhig erleben, womit man als Pfarrer auch konfrontiert ist. Er hatte damals keine Wahl. Wir haben sie jetzt.

Katholischer Missbrauch, verweigerte Reformen, persönliches Erleben

Sonntag, 21. März 2010

Ein paar Zitate aus Online-Medien über die Missbrauchsgeschichten in der römisch-katholischen Kirche und die mangelhaften Reaktionen. Die Zitate betreffen einerseites die nach wie vor verweigerten Reformen rund um den Themenkomplex Sexualität und Herrschaft sowie mein eigenes persönliches Erleben als Ex-Kremsmünsterer.

Der unheilige Zölibat …

Warum nennt der Papst den angeblich “heiligen” Zölibat noch immer ein “kostbares Geschenk” und ignoriert die biblische Botschaft, die allen Amtsträgern ausdrücklich die Ehe erlaubt? Der Zölibat “ist nicht “heilig”, nicht einmal “selig”; er ist eher “unselig”, insofern er zahllose gute Kandidaten vom Priestertum ausschließt und Scharen heiratswilliger Priester aus dem Amt vertrieben hat.

Das Zölibatsgesetz ist keine Glaubenswahrheit, sondern ein Kirchengesetz aus dem 11. Jahrhundert, das bereits auf den Einspruch der Reformatoren des 16. Jahrhunderts hin hätte aufgehoben werden sollen.

aus: Ratzingers Verantwortung, 17.03.2010, Ein Gastbeitrag von Hans Küng, Süddeutsche Zeitung

Der Alt-Kremsmünsterer Guido Tiefenthaler beschreibt letztlich auch meine persönliche Betroffenheit, die noch so schmerzlich wie nach 37 Jahren aufgebrochen ist. Ich hätte nie damit gerechnet, dass mich diese Sache noch einmal so emotional betreffen würde.

Es ist unfassbar – am allermeisten für mich selbst: Aber erst durch die Aussagen meines ehemaligen S. in den OÖN Klassenkollegen wurde es mir möglich, „Kremsmünster” (Internat, aber auch Schule – die Präfekte waren ja auch Lehrer) so zu sehen, wie es (für mich) wirklich war: Ein System, das Kinder brach und zum Funktionieren brachte – und barmherzig zu Sadisten war. Ein System, aus dem es für zehn bis vierzehnjährige Kinder kaum ein Ausbrechen gab: Die Präfekten waren teilweise zugleich Lehrer, Chorleiter, Jungscharleiter und Beichtväter.

aus: Kremsmünster: Keine Barmherzigkeit für die Peiniger, von Guido Tiefenthaler  |  derstandard, 17. März 2010

Meine persönliche Strategie folgte einer einfachen Beobachtung: Die Lieblinge der Präfekten waren auch jene, die missbraucht und/oder geschlagen wurden. Ich habe mich also bemüht, nicht besonders aufzufallen. Im Nachhinein betrachtet habe ich diese vier Jahre ohne persönliche Geborgenheitsbeziehung zu Erwachsenen verbracht, abgesehen von den Eltern, die alle 2-3 Wochen für ein paar Stunden besucht werden konnten. Die Freundschaften zu gleichaltrigen und auch älteren Schülern haben in meinem Fall allerdings gut funktioniert.

Die kranke Doppelmoral, was die ausgelebte verbotene Sexualität betrifft:

Verlogener geht es wohl nicht. Jahrzehnte lang werden pädophile Pfarrer, sobald sie überführt wurden, einfach nur versetzt – um woanders ihr Unwesen zu treiben. Heterosexuelle Beziehungen mit Priestern werden samt der daraus entstehenden Kinder entweder verheimlicht – oder man outet sich und fliegt mit Trara aus allen Ämtern und bekommt – zumindest beruflich – die Füße nicht mehr auf den Boden. …

Die Strukturen, die solche Straftaten und ein solches hierarchisches Machtgefüge ermöglichen, gehören aufgeweicht, verändert. Und es geschieht nichts.

aus: Ein Offener Brief an den Papst, von Klaus Thaler (Lehrer im Stiftsgymnasium Kremsmünster) |  derstandard, 17. März 2010

Der strukturelle Zusammenhang zum Zölibat, der umso stärker geleugnet wird, umso höher ein Mann in der Kirchenhierarchie steht:

Nicht zu bestreiten ist zwar, dass solcher Missbrauch auch in Familien, Schulen, Vereinen und auch in Kirchen ohne Zölibatsgesetz vorkommt. Aber warum massenhaft gerade in der von Zölibatären geleiteten katholischen Kirche? Selbstverständlich ist nicht allein der Zölibat Schuld an diesen Verfehlungen. Aber er ist der strukturell wichtigste Ausdruck einer verkrampften Einstellung der katholischen Kirchenleitung zur Sexualität, wie dies auch in der Frage der Empfängnisverhütung und anderem zum Ausdruck kommt.

aus: Schafft das Zölibatsgesetz ab!, von Hans Küng | derstandard, 26. Februar 2010

Das Ende der heiligen Herrschaft

Montag, 15. März 2010

Noch ein Wort zu den strukturellen Missbräuchen in der römisch katholischen Kirche. Dem Lavieren der offiziellen Kirchenvertreter muss ich etwas entgegensetzen. Bischöfe und Kardinäle: Spart euch die verbalen Entschuldigungen und die gezeigte Betroffenheit, die einzige brauchbare Konsequenz ist Handeln:

1. Ab sofortiger Verzicht auf innerkirchliche Machtausübung auf allen Ebenen. Das bedeutet unter anderem: Der Vatikan mischt sich nicht mehr in diözesane Angelegenheiten wie Bischofsernennungen und lokalkirchliche Diskussionen ein. Der Vatikan verzichtet auf Maßregelung von Theologen nimmt die Maßregelungen der letzten Jahrzehnte zurück. Die Bischöfe mischen sich beispielsweise nicht mehr in die Besetzung von Dechanten oder Angelegenheiten der Pfarren ein. Bischöfe werden ausnahmslos in Übereinstimmung mit den Gläubigen vor Ort gewählt.

2. Ab sofortige Einberufung eines erweiterten Konzils, das in Kollegialität die entsprechenden strukturellen Maßnahmen und deren Umsetzung diskutiert und beschließt. Es geht um die Fragen der Gewaltenteilung und transparenter subsidiärer Entscheidungsprozesse. Zu diesem Konzil werden auch jene TheologInnen eingeladen, die in den letzten Jahrzehnten gemaßregelt oder ruhig gestellt wurden, ebenso VertreterInnen der katholischen Laienorganisationen (insbesondere Frauen)  und der Organisation Priester ohne Amt (verheiratete Ex-Priester).

3. Ende der pathologischen Fixierung auf die Sexualität als zentralen Inhalt der christlichen Botschaft. Damit verbunden sind das Ende der Abwertung der Frau und Aufhebung der Verpflichtung zum Zölibat für alle Priester und Öffnung aller kirchlichen Ämter für Frauen und Verheiratete. Rehabilitierung der verheirateten Priester mit einer Einladung, wieder als Priester zu arbeiten, soweit sie das noch wollen.

Nicht dass ich glaube, die Verteter der Hierarchie (=heilige Herrschaft) sind in der Lage, in diese Richtung zu denken und zu handeln. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Bild: dpa